2002 2001 2000 1999 1998 1996 1995 1994 1993 Einführung Kultur

1997

6. - 16.11.1997

im Kino MOVIMENTO

Kottbusser Damm 22, Berlin-Kreuzberg

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5. Griechische Kinotage in Berlin

Das griechisch - deutsche Jugendzentrum "Filia" organisiert zum fünften Mal die "Griechischen Kinotage in Berlin". Diesmal ist das Festival den griechischen Filmemacherinnen und ihren Werken gewidmet. Es ist bekannt, daß griechische Filme selbst in Griechenland nicht sehr oft gezeigt werden, bzw. daß sie bestenfalls in Archiven verschwinden, nachdem sie ein paar Wochen in wenigen Kinos liefen. In Griechenland - ebenso wie in den übrigen europäischen Ländern - herrschen amerikanische Produktionen vor. Im Ausland werden griechische Filme meist nur auf speziellen Festivals gezeigt und nicht im regulären Programm. Treffen all diese Fakten auf die Gesamtheit der griechischen Kinoproduktion zu, so gelten sie insbesondere für die Werke griechischer Filmemacherinnen: lange Zeit gab es nur wenige Werke griechischer Regisseurinnen (erst seit einigen Jahren machen die vom Griechischen Filmzentrum unterstützten Produktionen von Filmemacherinnen ein Viertel der Gesamtproduktion aus); als Folge dessen wurden nur wenige Filmemacherinnen in Griechenland oder auch im Ausland bekannt. Abgesehen von Tonia Marketaki und Frida Liappa, die leider viel zu früh gestorben sind, werden selten andere Namen erwähnt. Des weiteren ist auch die Tatsache erwähnenswert, daß die Werke griechischer Filmemacherinnen bis heute kein Anlaß waren, sich theoretisch oder praktisch mit Fragen, die die Existenz eines eigenen Blickwinkels auf die Realität, das Vorhandensein eigener Inhalte und Themen oder auch die Arbeitsbedingungen der Filmemacherinnen, ihre Erfahrungen mit Finanzierungs-, Produktions- und Verleihinstitutionen in Griechenland und im Ausland, auseinanderzusetzen.

Die griechische Kinematographie vor dem zweiten Weltkrieg hat nur wenige Beispiele einer kreativen Filmproduktion geliefert. Die meisten Filme aus dieser Zeit sind "Sit-coms" und romantische Liebesgeschichten. Bis 1950 werden knapp sieben Filme pro Jahr produziert. Die Nachkriegszeit, in der sich die Kinoproduktion zu etablieren beginnt, ist vom Klima des Bürgerkrieges geprägt. Die ideologischen Vorgaben, die daraus resultieren, werden die Kinoproduktion in den folgenden Dekaden beeinflussen. Es gibt keine Meinungsfreiheit, und so entwickelt sich eine Unterhaltungskultur, die zunehmend ideologie-beladen ist, trotz der harmonisierenden, apolitischen Inhalte. In dieser Atmosphäre entwickelt sich ein Kinogenre für den breiten Konsum, welches den Zufall, die Mißverständnisse und die kleinen Gaunereien als treibende Kraft der Geschichte stilisiert. Die Charakteristika vieler Filme aus dieser Zeit sind Naivität und Minimierung der Produktionskosten. Sie werden stets an denselben Orten gedreht, mit denselben Bauten; ein Film nach dem anderen. Der Produzent ist allmächtig, er entscheidet über das Sujet, den Regisseur, die Schauspieler sowie über die Details der Produktion.

Die meisten der privaten Produzenten sahen darin einen Weg, die Zensur zu überlisten und gleichzeitig dem Geschmack und dem Bedürfnis breiter Bevölkerungsschichten nach Unterhaltung und Flucht aus der bedrückenden Realität zu entsprechen. Viele dieser Filme sind Komödien, Farcen, Melodramen und Musicals. Ein wichtiges Merkmal dieser Periode ist die erstaunliche Zunahme des kommerziellen Erfolgs und als dessen Folge die Investitionen auch kinofremder Unternehmer in die Kinoproduktion und das Betreiben von Sälen. Obwohl die Anzahl von Filmproduktionen über der großer Kinoländer lag, konnten nur wenige Werke im internationalen Vergleich bestehen. Bis 1974, dem Jahr der Rückkehr der Demokratie nach Griechenland, wurden um die sechzig Filme pro Jahr produziert; einige erreichten nationale Rekorde im Verkauf von Eintrittskarten.

Was die Filmemacherinnen der fünfziger und sechziger Jahre betrifft, so sind die Filme von Maria Plyta und Rena Galani ausschlaggebend. Beide sind bis heute die produktivsten griechischen Regisseurinnen geblieben; Rena Galani drehte zwischen 1964 und 1967 acht Filme, Maria Plyta 18 Filme zwischen 1950 und 1970. Ihre Filme stellen in Hinblick auf Inhalte und Produktionsweisen keine Ausnahme der Regel dar. Obwohl meistens eine Frau die Hauptfigur darstellt, die gegen Tabus und Vorurteile der damaligen griechischen Gesellschaft kämpfen muß, finden sich keine Ansätze der Hinterfragung oder Elemente einer Analyse der Situation. Der Ablauf der Erzählung wird von Wiederholungen bekannter Klischees, die bis zu einem gewissen Grad den Erwartungen des Publikums entsprechen, charakterisiert. Es gibt aber auch wenige Filme, die ein bißchen mehr wagen, wie z. B. die von Lila Kourkoulakou: Die Insel des Schweigens (1958) über Spinaloga, die Insel der Leprakranken, An der Tür der Hölle (1960) und der Dokumentarfilm Eleftherios Venizelos (1965) sowie der Film von Mika Zacharopoulou, Dafnis und Chloe `66, ein Remake des bekannten Streifens von Orestis Liaskos. Zwischen 1960 und 1965 findet eine Liberalisierung statt, ein Zeichen der Wandlung der politischen und sozialen Konstellationen in Griechenland, die sich auch in der Kinoproduktion bemerkbar macht. Dieser Prozeß erfährt jedoch 1967 durch den Putsch der Generäle ein abruptes Ende. Zensur und die Verbreitung von "Superproduktionen" mit militärischen Inhalten sowie das (un-)freiwillige Exil vieler bedeutender griechischer Filmemacher sind wichtige Merkmale der siebenjährigen Diktatur.

Das Jahrzehnt 1970-1980 ist die Zeit tiefgreifenden Wandels in der griechischen Kinematographie, sowohl was die Produktionsstrukturen als auch die Beziehungen zum Publikum betrifft, besonders nach dem Ende der Diktatur 1974. Das erste Mal in der Geschichte des griechischen Kinos findet eine Suche nach Charakter, Merkmalen und Eigenschaften in Freiheit statt. Die Filmemacher werden unabhängige Produzenten, die einerseits mit finanziellen Risiken konfrontiert werden, andererseits bekommen sie mehr Freiheit in der Wahl ihrer Themen und künstlerischen Formen. Unter den Filmen, die sich von anderen wegen der Qualität und des kritischen Standpunktes unterscheiden, sind die Dokumentarfilme: Die Frauen heute (1977) von Popi Alkouli, Der Kampf der Blinden (1975) von Meri Papaliou-Handjimichali und Zypern, die andere Wirklichkeit (1976) von Thekla Kittou sowie Karangiosis (1975) von Lena Voudouri.

Seit 1980 verlor das Kino in Griechenland - wie auch in anderen europäischen Ländern - einen großen Teil seines Publikums an das Fernsehen und später an den Videorecorder. Die Filmproduktion zu der Zeit beinhaltet ein breites Spektrum an Themen, wobei das Element des Individualismus deutlich artikuliert wird. Abgesehen von der klassischen Teilung in Spiel- und Dokumentarfilme wie Die Gefangenen des Meeres (1989-90) von Angeliki Antoniou, werden Filme mit deutlichen Zeichen der Suche nach neuen Erzählformen sowie Ausdrücken in der kinematographischen Sprache gedreht. Die Filme von Antoinetta Agelidi Topos (1985) und Die Stunden - ein rechteckiger Film (1995) sind Beispiele eines sehr individuellen Versuchs, der, ungeachtet der Tatsache, daß diese Filme ein spezifisches Publikum ansprechen, sehr interessant ist.

Die kinematographischen Genres, die in diesen Jahren vorherrschen, sind zum einen Dokumentation, zum anderen politische Satire und sozialpolitisches Drama. Parallel dazu wird die Ausweglosigkeit des privaten und sozialen Lebens der Helden sowie das Eingeschlossensein des Lebens in der Provinz und die Unterdrückung durch das soziale und familiäre Umfeld dargestellt, oft ohne das erwartete "Happy - End". Die Filme von Frieda Liappa: Die nächtlichen Wege der Liebe (1981), Es war ein ruhiger Tod (1986), Die Jahren der großen Hitze (1991) sowie Donousa (1992) von Angeliki Antoniou und Der Preis der Liebe (1984) von Tonia Marketaki sind einige Beispiele dieser Sparte. Die existentiellen Fragen, die Unfähigkeit zur zwischenmenschlichen Kommunikation in den erotischen oder sozialen Beziehungen, die zunehmende Entfremdung und Vereinsamung in den Großstädten sind zentrale Themen dieser Filme. Dazu gehören u. a. Ein verschenktes Leben (1995) von Fotini Siskopoulou, Quartett in vier Zügen (1994) von Lucia Rikaki und Ein Tropfen im Ozean (1995) von Eleni Alexandraki.

Zum Schluß ist es sinnvoll, das wichtigste Merkmal der achtziger oder vielmehr der neunziger Jahre zu erwähnen, nämlich, daß es in dieser Zeit einen bemerkenswerten Anstieg der Filmproduktionen von griechischen Regisseurinnen gab. Viele dieser Regisseurinnen haben eine kinematographische Ausbildung in renommierten Filmakademien im Ausland genossen und dann in Griechenland Filme mit verschiedenen Stilen, Ästhetiken und Thematiken gedreht. Einige dieser Werke setzen sich mit Erfahrungen aus der eigenen Kindheit, der Identitätsbildung oder mit historischen Ereignissen der jüngsten griechischen Geschichte, wie in Jaguar (1994) von Katerina Evangelakou, auseinander. Andere beziehen sich auf die zeitgenössische griechische Realität, wie sie sich in der Familie, in den zwischenmenschlichen Beziehungen und im öffentlichen Leben widerspiegelt. Dazu gehören auch Filme über die Suche nach eigenen Wegen, wie in Transit (1995) von Isavella Mavraki oder in Drei Jahreszeiten (1995) von Maria Iliou sowie Auseinandersetzung mit spezifischen Milieus, z. B. einer Kleinstadt, wie in Orgasmus der Kuh (1997) von Olga Malea oder eines Randbezirkes von Athen wie in Der Schrei (1995) von Vassiliki Iliopoulou.

Beim diesjährigen Panorama mit Werken griechischer Filmemacherinnen werden auch mehrere Kurzfilme gezeigt, Filme einer neuen Generation, könnten wir schon sagen. Die Mehrzahl ist im Jahre 1995 oder später produziert und bei der Wettbewerbs-Sektion des Kurzfilmfestivals in Drama gezeigt worden. Darunter sind Dokumentarfilme wie Kalkantza oder Briefe aus Albatros, Fiktionen wie Das Spiel, Verfilmungen literarischer Texte wie Immer noch? sowie poetische und experimentelle Filme wie Für ein Stückchen Himmel , Bis ans Ufer oder Overkill.

Wir hoffen, daß dieses kleine Festival ein Anlaß auch für das nicht-griechische Publikum sein wird, den Reichtum und die Vielfalt des griechischen Kinos allgemein sowie der Werke griechischer Filmemacherinnen insbesondere zu entdecken.

© Katerina Papadatou, FILIA

Griechische Filmemacherinnen

LANGFILME

  • Ein verschenktes Leben von Fotini Siskopoulou (1995)

  • Der Schrei von Vassiliki Iliopoulou (1995)

  • Transit von Isavella Mavraki (1995)

  • Drei Jahreszeiten von Maria Iliou (1995)

  • Die Stunden - Ein quadratischer Film von Antoinetta Angelidi (1995)

  • Jaguar von Katerina Evangelakou (1994)

  • Quartett in vier Zügen von Lucia Rikaki (1994)

  • Der Orgasmus der Kuh von Olga Malea (1996)

  • Gefangene des Meeres von Angeliki Antoniou (1989/90)

  • Die nächtlichen Wege der Liebe von Frida Liappa (1981)

  • Der Preis der Liebe von Tonia Marketaki (1984)

  • Kristallnächte von Tonia Marketaki (1991)

  • Ein Tropfen im Ozean von Eleni Alexandraki (1995)

  • Straßen und Orangen von Aliki Danesi-Knutsen (1996)

 

KURZFILME

  • Das Spiel von Maria Papageorgiou (1996)

  • Die Patania von Christina Hadjizachariou (1996)

  • Kalkantza von Yianna Triantafylli (1987)

  • Kurz, eng und schwarz von Stratoula Theodoratou (1996)

  • Die Balkontür von Nektaria Petika (1996)

  • Für ein Stückchen Himmel von Arita Daboura (1995)

  • Bis ans Ufer von Katerina Patroni (1995)

  • Immer noch? von Evi Karabatsou (1994)

  • Overkill von Lina Bakou (1997)

  • Briefe aus Albatros von Eva Stefani (1996)

  • Eine kurze Geschichte über das Lachen von Irini Vachlioti (1997)

  • Visa von Sevastiana Anagnostopoulou (1997)

  • Was wirst du werden, wenn du groß bist? von Natalia Kostopoulou (1997)

  • One man show von Maria Leonida (1996)