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14.11. - 20.11.1996 im Kino MOVIMENTO Kottbusser Damm 22, Berlin-Kreuzberg
4. Griechische Kinotage in Berlin Ihren ganzen Gehalt entfalteten antike Mythen stets dort, wo auch ihr kultisches Potential gewahrt wurde. Wie in den anderen Künsten von der Zeit des Altertums bis zur Aufklärung war es neben dem Bedürfnis nach Zerstreuung immer auch die Notwendigkeit, innerhalb eines bestimmten Rahmens sich zu sammeln, zu verinnerlichen und zu öffnen, die eine Kunst zum Heiligen erhob. Zur Entdeckung und ersten künstlerischen Anwendung filmspezifischen Techniken, Dramaturgien und Stoffe fanden nicht zufällig vor allem die frühen Filme Cabiria von Patrone von 1913 und Griffiths Intolerance von 1916, eben solche Werke, die ins Genre des Historienfilms nicht einordnbar sind, weil sie in der Versenkung ins Alte in seinen ewig geltenden Werten neue Inhalte, Formen und Visionen erfanden. Zunächst auffallend ist bei den meisten der vierzehn ausgewählten Filme, daß sie aus einer gemeinsamen Suche nach der sozusagen "reinen Schau" hervorzugehen scheinen. Die Unschuld der Bilder verschollener früher Filme, die belichtet sind, aber noch nicht entwickelt, will Odysseus, der Regisseur in Theo Angelopoulos' Blick des Odysseus, finden. Der Wagenlenker von Alexis Damianos ist keine Figur des Films, aber doch das Symbol für den untrübbaren Blick auf das Wahre, die einzig konstante Kraft, die die Zeit der Geschichte: des Zweiten Weltkrieges, des darauffolgenden Bürgerkrieges und der Obristenjunta von 1967 überdauert. Pier Paolo Pasolini, dessen Medea aufgeführt wird, verwendet den Schlüssel der Katharsis im Tragischen: den Sturz aus eigener Schuld, um die heutige Armut an religiöser Berührung und sozialer Aufrichtigkeit zu offenbaren. Die Freiheit des Dichters, der ewig sterben muß, um im Ewigen zu leben, sieht und besingt Jean Cocteau in der Sage von Orpheus. In der Absicht neuartige Ausdrucksmittel für Urerfahrungen von Chaos und Atavismus, für das Rätselhafte der Welt zu finden, lassen Ula Stöckl und Edgar Reitz in Das goldene Ding den Argonautenmythos von Kindern spielen. Da, wo schließlich auch Nikos Koundouros' Junge Aphroditen, eine Adaption des Epos "Daphnis und Chloe", ansetzt, an der Unschuld der Kinderliebe, offenbart sich aber auch die Ambivalenz dieser Suche nach dem Reinen allein im Alten. Die Kultivierung des Kultischen - gleich der des Mythos in etlichen der beinahe entgegengesetzen, monströs monumentalen Genrefilme vor allem aus Italien anfänglich und später aus Hollywood - wird im Säkularisierten unserer Zeit schnell zum Manierismus, der das notwendige Wechselspiel zwischen beiden, Mythos und Kult, wie zwischen Film und Publikum selbst unbeachtet lassen muß. Nicht Reinheit allein kennzeichnet das "griechische Licht". Verblendung und Auslöschung trägt es in sich, Sterben und Auferstehen.Realisiert werden kann der ständige Wandel vom Alten zum Neuen, zwischen Schein und Sein, Leben und Tod, Umkehrung der Umkehrung nur in der eigenen Wirklichkeit, die Gegenwart und Vergangenheit stets vereint. Ironisch verdreht wohl daher Cocteau in seinem letzten Film Das Testament des Orpheus seine Version der Saga und tritt selbst als ein Orpheus auf, der sich als der Regisseur seines eigenen Mythos offenbart. Antiformalistisch und onirisch, weil die Form der Tod ist und Träume Freiheit sind, erfindet Stavros Tornes in Karkalou wie in seinen anderen Filmen stets eigene archaischgleiche Mythen und Kulte ohne historischen Bezug, aber mit desto eindringlicherer, weil aus unserer Zeit heraus entstehender assoziativer Wirkung. Wo Pasolini die Tragödie aufs Aktuelle richtet, Medeas Morde als Revolution der Ausgestoßenen gegen den Rassismus Korinths gleichgesetzt der Rebellion der "Dritten Welt" gegen die imperialistische Arroganz Europas, wird die Katharsis erst wirklich; vor allem die Gerichtsverfahren, Verleumdungen und die Ermordung Pasolinis, die seine Filme letztlich bewirken, beweisen das. Der Fall 'Ö' von Rainer Simon bettet dagegen die Ödipustragödie als Film im Film in ein bestimmtes Zeitgeschehen ein und entfaltet so einen der wenigen heute existierenden Kulte, den Film selbst, bis zu seiner letzten Konsequenz: ein Wehrmachtsoffizier, der mit seiner Kompanie während des Krieges in Griechenland das Drama verfilmt, scheitert damit tödlich während eines Schußwechsels mit Partisanen, weil diese im Hintergrund versteckt sind und er in seinem Humanismus die Wirklichkeit übersehend, der Realität den Film und so sich selbst nicht öffnet. Auch die Suche des Odysseus von Angelopoulos endet letztlich so: zwar finden sich die verlorenen Filme, doch ihre Bilder sind nicht mehr sichtbar, vielleicht weil das Zelluloid sich in seinen ursprünglichen Zustand, den unbelichteten weiterentwickelt hat, sicherlich aber weil das ganze Irrsal eine Selbstsuche war und der Ursprung der Bilder, die Reinheit des Schauens, in einem selbst, in der eigenen Wahrheit verborgen ist. Daß noch heute Mythen und Riten der Antike außer in der Welt der Kunst in bestimmten Gegenden Griechenlands lebendig sind und so vollzogen werden wie wahrscheinlich auch im Altertum, zeigt der Dokumentarfilm Die Ursprünge der Tragödie von Stavros Ioannou. Dionysosverehrung, bacchische Zeremonien, Phalluskulte vermitteln ein verblüffendes Bild des Wechselspiels von Rausch und Religion, das in Attika einst wie nirgendanderswo Tragödie und Komödie gebar und aus dem eine Erneuerung der Filmkunst immer zu erhoffen sein wird. © Giorgis Fotopoulos, FILIA
Mythen der Antike im griechischen und internationalen Film
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