2002 2001 2000 1999 1998 1997 1996 1994 1993 Einführung Kultur

1995

16. - 29.12.1995

in den Kinos MOVIMENTO und NOTAUSGANG

Kottbusser Damm 22, Berlin-Kreuzberg und Vorbergstraße 1, Berlin-Schöneberg

 

3. Griechische Kinotage in Berlin

Eine Eigenheit des Griechischen Kinos

Die kurzzeitige und bisher einzige Blüte der griechischen Filmproduktion in den 50er und 60er Jahren hing vor allem mit einer allgemeinen Selbstbehauptung der nationalen Kultur angesichts der endgültigen Industrialisierung des Landes durch das Ausland und den damit einsetzenden Umwandlungen zusammen. Die Regisseure der damals und heute noch so populären Farcen und Melodramen, wie die von uns ausgewählten Dinos Dimopoulos, Dinos Katsouridis und Orestis Laskos, dessen Dafnis und Chloe zu den ersten künstlerisch beachtenswerten Werken zu zählen sowie die Filmemacher, die in den darauffolgenden Jahrzehnten mit sozial- und historisch kritischen Arbeiten sich zu behaupten begannen ( von denen die älteren wie Angelopoulos, Voulgaris und Ferris im Ausland am meisten bekannt sind, weswegen wir sie zugunsten der jüngeren ausgelassen haben) - sie alle finden heute bloß noch unter schwersten Bedingungen eine Beschäftigung   in ihrem Beruf und wenn, wenig Beachtung.

Einerseits hat die inländische Kinoproduktion nunmehr auch Anteil an der internationalen Krise des Kinos, die gekennzeichnet ist von der Isolation der Regisseure, ihrer Absorption durch die Fernsehsender und die Werbung und vor allem von ihrer Abhängigkeit gegenüber der stets schwankenden nationalen sowie europäischen Kunstförderung. Andererseits hat sich ohne wirklich einheimische Industrie in Griechenland nie eine Kontinuität in der Kinoproduktion, geschweige denn die Tradition einer Schule entwickeln können. Das Filmemachen erfordert heutzutage für die meisten Produzenten mit jedem Kinofilm immer auch von neuem den Aufbau eines Produktionsapparates. Und da der Film selbst ständigen Schwankungen durch technische Erneuerungen und finanzielle Unsicherheiten sowie sich verändernde Ansichten und Anforderungen ausgesetzt ist, bedeutet dies für die wenigen Regisseure, die alle drei, fünf Jahre die Gelegenheit erhalten, einen Film zu machen, zugespitzt ausgedrückt, letztlich mit dem Filmemachen selbst immer wieder beginnen und immer wieder auch von neuem aufgeben zu müssen. Ständig am Anfang und in der damit verbundenen Offenheit, birgt sich für das Griechische Kino aber auch da eine wesentliche Chance. Lernend und erfinderisch, naiv und improvisierend könnte es so auch das alte Kino selbst erneuern und einen Gegensatz zu dem der Serien, Remakes und Zitatenfilme etablierter Filmnationen bilden. Einige der hier vorzustellenden Filmemacher behandeln denn auch Themen, die in ihrer Art charakteristisch sind für Griechenland und in ihrer Gestaltungsweise sich am unabhängigen und innovativen Autorenfilm orientieren.

Daß nach Jahren innerer Auseinandersetzungen das Land unerwartet wieder seine Identität am Rande dreier Kontinente  behaupten muß, wird mit der Ausgrenzung und der Ausweglosigkeit albanischer und anderer Flüchtlinge in Sotiris Goritsas' Roadmovie Aus dem Schnee gezeigt. Daß es aber stets schon ein Zentrum widersprüchlichster Interessen - von imperialistischen bis zu rein kulturellen - bildete, schildert Stelios Pavlidis' Unter Verdacht mit der Legende von einem Kriminellen, der zum Revolutionär und als solcher gescheitert wieder zum Kriminellen wird. Und daß die griechische Identität selbst über Jahrtausende weltweit verbreitet worden ist und sich so doch bis heute über alle Zerstörungen hinweg hat erhalten können, erzählt Nikos Anagnostopoulos' fiktiv-dokumentarischer Film Die Zeit steht still im Orient. In dem Besonderen aber auch eine Allgemeingültigkeit gefunden zu haben, die einige seiner Filme weltberühmt gemacht hat, ist Michael Cacoyiannis gelungen. Alexis Sorbas, der als dionysische Figur den Gegentyp zum Zivilisierten darstellt, zeigt, daß der Erfolg einer Unterhaltung auch voraussetzt, in welchem Maß sie ein Bedürfnis der Zeit nach Erklärung und Inhalt erfüllt und dies auf leichte Art vermittelt.

© Giorgis Fotopoulos, FILIA

 

  • Daphnis und Chloe von Orestis Laskos (1930)

  • Die Kutsche von Dinos Dimopoulos (1957)

  • Das Gespött des Fräuleins von Yiannis Dalianidis (1960)

  • Mandalena von Dinos Dimopoulos (1960)

  • Alexis Sorbas von Michalis Cacoyiannis (1964)

  • Was tatest du im Krieg, Thanassis? von Dinos Katsouridis (1971)

  • Der Floh von Dimitris Spyrou (1990)

  • Die Zeit steht still im Orient von Nikos Anagnostopoulos (1993)

  • Vom Schnee von Sotiris Goritsas (1993)

  • Die kleinen Delphine von Dinos Dimopoulos (1993)

  • Lefteris Dimakopoulos von Periklis Hoursoglou (1993)

  • Ende einer Ära von Antonis Kokkinos (1994)

  • Unter Verdacht von Stelios Pavlidis (1994)

  • Deserteur Giorgis Fotopoulos (1995), Kurzfilm